Weshalb fehlte in vielen Weihnachtspredigten das Staunen der Theologen über das Wunder von Weihnachten?
- theobreisacher

- 28. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Gedanken von Pfarrer Theo Breisacher zur "Kraft des Staunens"
Weihnachten ist das Fest des Staunens: Bereits kleine Kinder können staunen, wenn sie einer Kerze beim Brennen zuschauen. Oder sie staunen, wenn sie zum ersten Mal den bunt geschmückten Tannenbaum im Wohnzimmer sehen.
In der Wochenzeitschrift "Die Zeit" las ich kurz vor Weihnachten einen interessanten Artikel über das Staunen (Nr. 54/2025): In einer Studie fand man heraus, dass beim Staunen das Stresshormon Cortisol im Blut abgebaut wird. Wer staunen kann, lebt demnach gesünder, so das Ergebnis der Studie. Die Forscher fanden sogar heraus, dass Kinder, die noch richtig staunen können, am Ende freigiebiger sind und eher an arme Menschen denken. Ich kann das nicht nachprüfen, aber das Ergebnis hört sich klasse an, finde ich: Staunen ist gesund!

Weihnachten ist das Fest des Staunens! Erst recht, wenn wir daran denken, was Weihnachten für uns Christen bedeutet: Der allmächtige Gott kommt in einem kleinen Kind auf die Welt. Der Schöpfer des Universums macht sich klein und hilflos, um ganz nahe bei seinen Geschöpfen zu sein. Gott kommt auf Augenhöhe zu uns, um von Mensch zu Mensch mit uns kommunizieren zu können. In Jesus kommt Gott auf diese Welt, um uns von unseren Sünden zu erlösen. Darüber kann man nur Staunen!
Und dann die ganzen Begleitumstände dieser wundersamen Geburt: Mitten in der Nacht bekommen Hirten Besuch von einem Engel und hören himmlische Musik. Ein junges Mädchen wird schwanger, ohne mit einem Mann geschlafen zu haben. Ein Engel ermutigt ihren Verlobten im Traum, seine Braut trotz ihrer Schwangerschaft nicht zu verlassen. Aus einem fernen Land kommen hochgelehrte Männer aufgrund einer auffälligen Erscheinung am Sternenhimmel. Ihr Gold und die anderen wertvollen Geschenke kommen gerade zur rechten Zeit. Denn das junge Paar muss mit ihrem Kind vor dem misstrauischen König ins benachbarte Ägypten fliehen. Da kann man nur staunen, wie Gott das alles gefügt hat und wie treu er für seine Menschenkinder sorgt. "Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still, er betet an und er ermisst, dass Gottes Liebe unendlich ist": So fasst der Liederdichter Christian Fürchtegott Gellert sein Staunen über Weihnachten in Worte.
Leider ist dieses Staunen vielen Theologen unserer Zeit gerade an Weihnachten verloren gegangen. Ich finde das jammerschade, da doch gerade Weihnachten das Fest des Staunens ist.
Oft genug hört man in den festlichen Gottesdiensten nichts oder nur wenig davon. Warum? Ich fürchte, es liegt an der historisch-kritischen Auslegung der biblischen Weihnachtsgeschichte, die von vorneherein alles Außergewöhnliche und Wundersame weginterpretiert.
Jesus sei überhaupt nicht in Bethlehem geboren, sondern in Nazareth, wurde kurz vor Weihnachten Prof. Michael Hölscher von der Bochumer Ruhr-Universität in der Badischen Zeitung (und offenbar in vielen Lokalzeitungen auch) zitiert: Das Interesse für den Anfang der Lebensgeschichte Jesu habe sich erst allmählich entwickelt, so Hölscher. Das könne man bereits daraus schließen, dass die Geburtsgeschichten im Markus-Evangelium (dem vermeintlich ältesten Evangelium) komplett fehlen würden. Erst die (angeblich) späteren Evangelien von Matthäus und Lukas berichten davon. Dabei verlegten die Autoren des Lukas- und Matthäus-Evangeliums den Geburtsort Jesu von Galiläa im Norden kurzerhand nach Bethlehem, weil dort schon der große König David geboren worden war. Um Jesus als rechtmäßigen Messias auszuweisen, musste er wie bereits König David ebenfalls in Bethlehem geboren worden sein.
Schön, dass Prof. Hölscher das auch mit 2000 Jahren Abstand so genau weiß. Aber er ist ja nicht der einzige: Viele Bibelkommentare sind davon überzeugt, dass die Erzählungen in Matthäus und Lukas über die Geburt Jesu ohnehin nur Legenden sind: Erbauliche Geschichten zwar, die aber niemals so passiert seien. Ob man mit dieser exegetischen Vorentscheidung dem besonderen Wesen der biblischen Geschichten gerecht wird, diese Frage wird meistens gar nicht mehr gestellt. Aber so läuft die kritische Bibelauslegung leider seit vielen Jahrzehnten: Man schließt ein übernatürliches Eingreifen Gottes von vorneherein aus. Hinterher muss man dann natürlich nach Gründen suchen, weshalb die Evangelisten in ihrer Begeisterung für die Sache Jesu offenbar ins Fabulieren gekommen seien und dabei vor lauter Eifer nicht mehr so genau auf die Landkarte geschaut hätten …
Ich sage das nicht spöttisch, sondern mit einem großen inneren Schmerz. Denn die Folgen sind gravierend und in den Gemeinden oft verheerend. Und vermutlich ist der Verlust des Staunens über das Wunder Gottes genau der Grund dafür, weshalb in vielen Weihnachtspredigten am Ende nur noch politische Appelle und Aufforderungen zur Nächstenliebe übrigbleiben:
So bezog der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, in seiner Predigt deutlich Stellung gegen Nationalismus und Abschottung: Es brauche mehr „Solidarität und gemeinsame Verantwortungsübernahme“. Nur so könnten die drängenden Zukunftsfragen bewältigt werden. Der Limburger Bischof führte in diesem Zusammenhang etwa das Ringen um einen besseren Klimaschutz an, ebenso wie die Sicherung eines zukunftsfesten Sozialstaates und der Demokratie.
Mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft sei laut ARD auch der Tenor in der Weihnachtsbotschaft der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Kirsten Fehrs, gewesen. Frieden beginne im Kleinen: "Die Schwester des großen Friedens ist die Freundlichkeit im Alltag", wurde sie zitiert. Jeder könne sich in seinem Umfeld freundlich seinen Mitmenschen zuwenden.
Und in der Oldenburger St. Lamberti-Kirche habe der evangelische Bischof Thomas Adomeit dazu aufgerufen, nicht zu verstummen, sondern den Dialog zu suchen - "am Küchentisch, in der Nachbarschaft, im Verein oder in der Öffentlichkeit". Und das "nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Haltung: klar gegen Menschenverachtung, Ausgrenzung, klar positioniert für unsere Ordnungen, die uns den Frieden der letzten Jahre ermöglicht haben - und offen für das Gespräch".
Nun muss man zugestehen, dass die Auswahl der Zitate aus den Weihnachtspredigten von Journalisten vorgenommen wird und deshalb oft noch viel mehr über das leitende Interesse der Medienleute aussagt als über die Prediger. Landesbischof Ulrich Fischer hat einmal darüber geklagt, er könne predigen über was er wolle, die Journalisten würden eh immer nur ihre eigenen Lieblingsthemen heraushören.
Davon abgesehen sind das alles wunderbare Gedanken und wünschenswerte Anliegen, die die leitenden Geistlichen der großen Kirchen ihren Hörern mit auf den Weg gegeben haben: Wir sollen uns als Christen einmischen. Natürlich! Wir sollen uns als Christen einmischen. Ist doch keine Frage! Aber die Verschiebung der Schwerpunkte finde ich dennoch verheerend: Statt über das Wunder der Menschwerdung Gottes zu staunen und seine einzigartige Liebe zu preisen, bekommen die Menschen an Heiligabend "Hausaufgaben" aufgebrummt, die sie im neuen Jahr als gute Christen bitteschön zu erfüllen hätten.
Arbeit statt Geschenke. Und das gerade an Heiligabend! Hausaufgaben anstelle von ehrfürchtigem Staunen. Eine verhängnisvolle Verschiebung! Denn damit geht das Schönste an Weihnachten verloren: Anstatt sich von Gott beschenken zu lassen und sich wie ein Kind über sein einmaliges Geschenk zu freuen, wird einem aufgezählt, was man noch alles tun sollte, um die Welt zu retten.

Gerrit van Honthorst: Anbetung der Hirten, 1620
Wie schön, dass uns säkulare Journalisten in der "Zeit" daran erinnern, was eigentlich die Kernbotschaft der Christen an Weihnachten wäre: Die Kraft des Staunens! Über die grenzenlose Liebe Gottes zu staunen, die im Kind in der Krippe sichtbar wird, und sich von diesem riesengroßen Geschenk in seinem Herzen berühren zu lassen! Ich schätze mal, die "Hausaufgaben" würden den Menschen mit einem so ergriffenen Herzen hinterher fast allein von der Hand gehen ...
Theo Breisacher, Pfarrer der Kirchengemeinde Staufen-Münstertal



